Inspiriert von der Alb, nominiert von Berlin

Als ich im November meine erste Residenz auf der Alb antrat, war ich einmal wöchentlich in Albstadt im Gymnasium Ebingen: eine Hörspielwerkstatt bot ich an. Weil ich das Format selbst spannend finde und gut geeignet als Einstieg in die Radiokunst, machten wir Mini-Clips. 2015 war ich für den „Mikroflitzer“ nominiert gewesen, ein Format des Berliner Hörspielfestivals. Vorgegeben wird eine Schlagzeile oder ein Satz, die Länge des Ergebnisses darf eine Minute nicht überschreiten.

Zur selben Zeit war ich mit Roland Heck vom SWR unterwegs. Er wurde Teil unseres Projekts – die Klasse machte eine Exkursion in sein Studio – und er teilte mir mit, wenn es was Interessantes gab. So konnte ich ihn zum „Reichsbürger-Prozess“ begleiten und meinem Interesse an der politischen Kultur (nicht nur) auf der Alb weiter nachgehen.

In diesem Jahr hat das Berliner Hörspielfestival wieder den Mikroflitzer ausgeschrieben. Zu meiner Freude war ich bereits nominiert für ein 20-Minuten-Stück, das sich mit dem Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum beschäftigt. Meine Eltern wohnen nur einen Steinwurf entfernt, ich selbst war in Moosach unterwegs, als dort zehn Menschen ums Leben kamen. Ich war mir also erst gar nicht so sicher, ob ich tatsächlich noch den Versuch wagen sollte, mit einem Einminüter dabei zu sein.

Aber dann sah ich das Motto: „Das ist doch komplett erlogen“. Und, ja, dazu fiel mir was ein. Nämlich der Tag im Amtsgericht Albstadt oder, vor allem, was mir danach gesagt wurde. Als zwei JournalistInnen mir mitteilten, sie würden nur was sehr Kurzes dazu bringen. Offenbar war das Bewusstsein, rasch in den Fokus der Reichsbürger geraten zu können und zur Zielscheibe, sehr hoch. Mir wurde geraten, auch nichts dazu zu bloggen. Das hat mich lange beschäftigt.

Ende 2016 wurde in Leipzig eine Initiative gegründet. Sie nennt sich „Lauter Leise“. Hervorgegangen ist sie aus der Initiative „Literatur statt Brandsätze“. Die Gründerin, Anna Kaleri, hat für ihr Engagement inzwischen den Lessing Förderpreis erhalten. Dort wird im Prinzip etwas Ähnliches versucht, was die AlbOffensive auch propagiert: mit Kultur gegen rechts vorzugehen. 60 Autoren haben ehrenamtlich für diese Initiative gelesen; ich konnte Verlag und Landesbühne Sachsen überzeugen, mein Stück „Lillys Bus“ tantiemefrei nach Bautzen zu schicken. Die Rückmeldung von dort war großartig. Die Stadtbibliothekarin bestätigte mir, genau so was zu „brauchen“. Das einzige Problem sei die Sache mit der Nachhaltigkeit. Klar. Von einem ehrenamtlichen Auftritt, Diskussionen mit der Theaterpädagogin im Anschluss, verändert sich noch keine Struktur. Aber eine Richtung ist eingeschlagen.

Ich habe meinen „Mikroflitzer“ „Lauter Leise“ genannt – als kleine Verbeugung vor dem jungen Verein, der in Leipzig gerade entsteht. Inspiriert ist er von dem Tag in Albstadt. Als mir geraten wurde, lieber nichts zu schreiben.

Wenn Sie mögen, dann drücken Sie „Lauter Leise“ am Freitag um 21.15 die Daumen! Und dem Verein auch gern darüber hinaus.

Hier können Sie sich alle Nominierten anhören:

http://berliner-hoerspielfestival.de/der-mikroflitzer-die-nominierten/

 

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