HIGH NOON UND LIEBESBRIEFE

 

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Ein geschlossener Laden. Davor ein Tisch. Zwei Männer auf Plastikstühlen. Der mit dem Hut, Tilman, schiebt einen metallenen Koffer auf den Tisch und klappt ihn auf. Der andere, Hans, erzählt einen Traum. Der Bürgermeister eines der Dörfer. Der habe ihm einen Auftragsmord erteilt. Der Hutträger holt die Waffe der nächsten Tage aus dem Koffer: Zoom. Sechs Kanäle. Und dann noch ein Mikro, das man seinem Gegenüber ansteckt. „Wie im Fernsehen, weißt du, Hans?“ Tilman lacht.

Wir sitzen bestimmt eine Stunde vor dem geschlossenen Laden. Auch das Heimatmuseum ist geschlossen. „Jungingen“, sagt Tilman, „Jungingen ist eine Verschwörung.“ Ein Pappbecher mit Kaffee steht auf dem Tisch, fast leer. Ob er Kaffee kochen solle? In seinem VW-Bus sei welcher. Also, er könne. Kein Zweifel.

Wir sitzen vor dem Laden und warten. Noch anderthalb Stunden bis zum Termin mit einer Frau, die von sich und dem Dorf erzählen soll. Wir sitzen. Ein Paar fährt vorbei, auch Bus, nicht VW, auch Karlsruher Kennzeichen. Parkt, steigt aus. Kommt zum Laden. Sie stehen mit dem Rücken zu uns, blicken in die Auslage. „Ist zu.“, lässt Tilman sich vernehmen. „Wir werden hier sitzen bis morgen früh. Bis wieder auf ist.“ Die Frau lacht. „Wir bewachen das hier nämlich.“, ergänzt Tilman schnell. Fast glaube ich ihm. Das Paar fährt wieder. Wir bleiben zurück. Vor dem Laden. Hinter uns die Gleise. Kein Zug kommt an. Nirgends. Aber es fährt einer ab, später. Den muss ich kriegen. Hierher sind wir mit Tilmans Bus gekommen. Er hat mich aus Engstingen abgeholt, dann sind wir durch grün-grün-grün gefahren, durchs Killertal, vorbei an „Killer“, vorbei am Peitschenmuseum, vorbei am Bahnhof. Und nun sitzen wir da.

„Den Bahnhof in Killer. Hast du den gesehen? Irre. Man meint doch gleich, High Noon, gleich kommt Gary Cooper um die Ecke.“ sagt Hans. Hans ist gerade aus New York zurück. Tilman zieht sein schwarzes T-Shirt hoch und entblößt seine linke Schulter. Es ist ein heißer Tag.

Das erste Opfer ist Lehrerin im Dorf. Sie wurde vorgeschlagen. Vom Leiter des Heimatmuseums.
Eine von der Liste. Die langsam länger wird. Die Waffe bleibt noch im Metallkoffer. Stattdessen liegt das Handy auf dem Tisch. Harmlos. Zunächst auch aus. Vorgespräch. Man wolle Geschichten sammeln. Für Hörstationen. Hans und Tilman erläutern ihr Konzept. Denn natürlich kommen sie nicht im Auftrag des Bürgermeisters. Sie sind im Auftrag des LTT unterwegs. Völlig unbedenklich. Auch, wenn sie als „so Theaterleute“ angekündigt waren.

Das ständige Gewitzel zwischen den Projektleitern, die sich seit 38 Jahren kennen, färbt langsam auf mich ab. Ich bin nur heute dabei, nur einen halben Tag, um herauszufinden, was die beiden vorhaben. Als „Begleitung“ werde ich vorgestellt. Das eröffnet doch Spielräume. „War alles für Sie in Ordnung?“, werde ich die Lehrerin im Rausgehen später fragen. „Ich bin dabei, um aufzupassen, ob auch alles anständig abläuft. Gerade, wenn Frauen befragt werden. Haben Sie sich belästigt gefühlt?“ Die Lehrerin wird lachen.

Es ist nicht immer einfach, bei Menschen aufzutauchen und ihnen zu sagen, dass das, was sie erzählen, möglicherweise genau in dieser Form Teil einer Hörinstallation wird. In anderen Projekten auf der Schwäbischen Alb waren Interviews das Ausgangsmaterial. Bei diesem Projekt werden die Menschen ihre eigenen O-Töne und die ihrer Nachbarn oder gar die der Leute fünf Dörfer weiter am Schluss hören. Auf einer Bank sitzend. Das ist gerade die Vision. „Wir wollen Geschichten sammeln“, haben Tilman und Hans also eingangs erklärt. „Geschichten über den Ort. Und Sie als Lehrerin haben da ja sicher einiges erlebt, oder?“ Hat sie. Und erzählt so eloquent, dass bald die Frage folgt, ob das Gespräch aufgezeichnet werden dürfe. Darf es. Dann geht es los. Vom Strukturwandel im Dorf. Wie die Textilwirtschaft niedergegangen sei. Ihr Vater, der Schneider war, weil er, obwohl der Klassenbeste, nicht aufs Gymnasium durfte. Wie wenig Geld oft zu Hause war. Bis auf die letzten Jahre – da wurde der Vater Teil der Finanzverwaltung und es wurde besser. Sie selbst habe nie mit dazu verdienen müssen. Nur eben sich selbst finanzieren, wenn sie was kaufen wollte. Aber ansonsten – weil der Vater so gern aufs Gymnasium gegangen wäre und nicht durfte, kamen seine Kinder aufs Gymnasium. Auch sie als Mädchen. Ungewöhnlich für die damalige Zeit. Hans fragt nach Methoden der Erziehung. Auf die Tatzen? Hätten höchstens die Jungs mal was bekommen. Und sie schon gar nicht – als angepasstes Mädele.

Sehr anrührend wird es dann auf einmal, als die Dame erzählt, wie ihre Eltern sich kennen lernten. Der Vater, der sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg gewesen ist. Die Mutter, die, wie damals üblich, eine Liste bekommen hatte. Das habe man da so gemacht in Sigmaringen. Eine Liste mit Männernamen. Mehreren habe sie geschrieben. Und den einen, den habe sie ausgesucht, weil sie Schneiderin war und der auch. Da habe sie gedacht, man könne vielleicht über was reden. Die Briefe des Vaters hätten die Mutter überzeugt. Und nach dem Krieg sei man sich begegnet. Aufs Fahrrad und in der Mitte getroffen. Ja, und irgendwann sei da eben eine Liebe draus geworden.

Ich stelle mir die Briefe vor, die Briefe von der Front. Da ist sie ja wieder, die Anbindung der privaten Geschichte an die großen weltpolitischen Zusammenhänge.

Tilman nennt Hans und mich kitschig, als wir im Hinausgehen unserer Rührung über die Briefe Ausdruck verleihen. Was ihn wohl am meisten bewegt hat?, frage ich mich kurz. Ums Schwimmbad ging es, um die Frage, wofür eine Gemeinde Geld ausgibt, um, um, um, es waren so viele Themen. Ich bin gespannt, wie die beiden sie weiter bearbeiten werden. Vielleicht höre ich sie ja doch wieder, die Stelle, als es um die Briefe aus dem Weltkrieg ging, die zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Dörfern zusammen brachten. Denn jede Wette: Auch Gary Cooper braucht manchmal ein Taschentuch. Vielleicht nur nicht, wenn gerade High Noon ist. Und man in der Nähe von Killer steht.

Mein Zug ist weg, als wir aus dem Haus treten. Der Laden hat immer noch zu. Die Vermieterin der Ferienwohnung ist noch immer nicht erreichbar. Dann kommt sie plötzlich. Und dann sitzen wir wieder an einem Tisch. Mit Plastikstühlen. Der Metallkoffer ist gut verstaut. Die Geschichte eingefangen. Die Vermieterin hat alkoholfreies Bier mitgebracht. Als wir später einen Abendspaziergang wagen, läuft sie an uns vorbei. „Ich verfolge Sie nicht, das ist nur meine Runde“, sagt sie.

Eigentlich müsste Tilman doch sofort seine Waffe ziehen und alle sechs Kanäle auf sie richten. Denn Stalker behaupten doch auch immer, es sei normal, was sie tun.

 

 

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